All unsere Kreativität kommt von Herzen – Interview mit Sanctorium

Ich habe schon einige Bands aus Russland kennengelernt. Zuletzt nahm Sängerin Daria Zhukova von der Sankt Petersburger Band Sanctorium Kontakt mit mir auf. Seit fünfzehn Jahren haben sie sich dem symphonischen Heavy Metal verschrieben. Anfang März erschien das dritte Studio-Album „Ornaments“. Ein Doppel-Album auf hohem Niveau. Immer wieder bauten die Musiker Elemente aus der russischen Folklore ein. Die Band konnte dieses Album teilweise über eine Crowdfunding Kampagne finanzieren. Sängerin Daria hat meine neugierigen Fragen beantwortet.

DSC06743KoR: Hallo, ich bin Rainer und schreibe für Keep on Rocking. Danke, dass ich dieses Interview mit Euch durchführen kann. Wie geht es Euch?

Daria: Hallo Rainer, schön dich kennenzulernen! Es ist mir eine Freude. Also, jetzt nach der Veröffentlichung fühle ich mich erleichtert, weil es zu viel Zeit und Kräfte erfordert hat. Obwohl es noch eine Menge zu tun gibt, liegt ein Großteil bereits hinter uns.

KoR: Obwohl die Band schon eine Weile existiert, ist sie außerhalb Eurer Heimat weitestgehend unbekannt. Stell Euch bitte kurz vor.

Daria: Nun, Sanctorium ist eine Symphonic Metal-Band mit männlichem und weiblichem Gesang aus Sankt Petersburg, Russland. Fans dunkler Musik schätzen den Kontrast zwischen einprägsamer unterkühlter Frauenstimme, einem abwechslungsreichen männlichen Death Metal-Growls und einer cleanen Männerstimme sowie einer Mischung aus schweren Gitarrenriffs mit kunstvollen Keyboards (Klassiker des Genres), symphonischen Arrangements und der allgemeinen Atmosphäre der Songs. Wir lassen uns von verschiedenen Mythologien, Legenden, der Geschichte der alten Zivilisationen, der Mystik und der Philosophie inspirieren, die sich in englischen Sinnbildern widerspiegeln, die in kräftigen Farben gemalt sind.

KoR: Wie würdet Ihr den Sound von Sanctorium beschreiben?

DDSC06593aria: Fette und kompakte Gitarrenwände, mächtige Orchesterarrangements, drei verschiedene Gesangsstimmen.

KoR: Wenn ich das richtige gelesen habe, dann ist Daria das einzige verbliebene aus den Anfangstagen. Wie ist es ihr gelungen, die Band so lange am Leben zu halten?

Daria: In dieser Zeit war das mein einziger Wunsch 🙂 Ich glaube, ich hatte großes Glück mit der aktuellen Besetzung: Im Moment besteht die Band aus den engagiertesten und enthusiastischsten Mitgliedern. Die meisten von uns (denk nur!) spielen schon 8-10 Jahre zusammen. Einfach unglaublich! Und jetzt, wenn ich schlechte Laune habe und alles hinschmeißen möchte, erinnere ich mich sofort an die Dreisatz „Nein“ und sage mir „Nein-Nein-Nein“)) Es gibt noch viel zu tun.

KoR: Zwischen Bandgründung und Debüt-Album „The Depths Inside“ lagen neun Jahre. Warum habt Ihr so viel Zeit dafür gebraucht?

Daria: Während dieser Zeit veröffentlichten wir auch eine Demo mit 4 Tracks sowie die EP „Gate of Sin“ im Jahr 2008. Im Mai 2009 verließen die alten Musikern Band. DSC06764Danach stand ich allein da und entschloss mich die Band mit neuen Mitgliedern weiterzuführen. Trotz der Tatsache, dass sie bereits 2010 dazustießen, konnten wir mehr oder weniger erst 2012 Konzerte geben. Wir veröffentlichten die Single „Alive“. Danach haben wir 2013 begonnen, TDI aufzunehmen. Und hier sollte ich mich bei meinem Ex-Mann bedanken, der vor der Trennung Gitarrist und Komponist in der Band war und mir alle Songs zu hinterlassen hat und erlaubte diese aufzunehmen.

KoR: Im Jahr 2018 habt Ihr die Crowdfunding Kampagne für Euer drittes Album „Ornaments“ gestartet. Leider habt Ihr nur 22% des Zielbetrages erreicht. Wie habt Ihr es trotzdem geschafft, dieses Doppelalbum zu produzieren?

Daria: Wie wir in unserer Kampagne geschrieben haben, würde das Album auf jeden Fall produzieren und alle unsere Verpflichtungen erfüllen, gegenüber denen, die uns unterstützen. Aber es ist natürlich, dass es länger dauerte, weil wir unsere nicht-musikalischen Jobs tun mussten, um selbst etwas Geld zu verdienen und den Rest davon leihen. DSC06638Und wir wollten unsere neuen coolen Songs einfach nicht ungeschrieben lassen, weil wir sie wirklich lieben.

KoR: Wie lief das Songwriting für dieses Album ab?

Daria: Wir haben einen Cloud-Speicher mit all unseren Arbeitsvorlagen. Wenn jemand eine Idee hat, schreibt er sie und legt sie in den Ordner (wir haben verschiedene Ordner mit unterschiedlichen Musikstilen, vom Doom bis zum Core). Andere Band-Mitglieder hören es sich an und wenn die Idee wirklich gut ist, nehmen wir sie mit in den Probenraum. Unsere Gitarristen kommen bei den Proben zusammen, um Musik zu schreiben, und wenn die Struktur des Songs fertig ist, schreiben andere Mitglieder ihre Teile. Schließlich schreibe ich die Texte (oder bitte meine Freunde zu schreiben). Für dieses Album waren die beliebtesten Ordner die Folk- und Sympho-Ordner, und jetzt könnt Ihr ein Ergebnis hören.

KoR: Welche Bands bzw. Musiker beeinflussen Euch beim Schreiben neuer Songs?

Daria: Arkona, Nevid’, Wintersun, Slumber, Orphaned Land, Dark Tranquility, Myrath, Eluveitie, Within Temptation… DSC06790Viele verschiedene Bands)

KoR: Ihr habt sehr viele Elemente der russischen Folklore in Eure Musik eingebaut. Welche Beziehung habt Ihr zur Folklore Eurer Heimat?

Daria: Nun, Folklore in traditioneller Form ist hier nicht so beliebt. Aber in der Metal-Musik ist es das! Die Russen lieben die Kombination aus Gefühlsbetontheit von Volksliedern und Metal Drive. Deshalb gibt es anstelle großer internationaler Metal-Festivals in Russland nur große Folk-Metal-Festivals. In diesem Jahr gibt es jedoch zwei neue Metal-Festivals: Big Gun und Metal over Russia. Und die Listen der Bands sind einfach großartig! Wir werden sehen, ob hier eine neue Metal-Ära beginnt.

KoR: Am meisten beeindruckt hat mich das Lied der Wolgaschlepper „Эй, Ухнем“. Warum habt Ihr gerade dieses ausgewählt?

20190706-_DSC2007Daria: Die Geschichte der erstmaligen Verwendung der Folk-Elemente in unserer Musik ist sehr interessant. Wie Ihr wisst, haben wir zweimal in Japan gespielt. Und vor dem ersten Besuch gab es eine Bedingung: ein paar russische Volkslieder vorzubereiten und zu spielen, weil es den Japanern sehr gefällt. Als die Jungs das hörten, war die erste Reaktion ein Schock. Was? Wir? Warum? Wir haben noch nie eine solche Art von Musik gespielt! Und nach einigem Überlegen haben wir beschlossen, diese in unserem Stil zu arrangieren. Also haben wir Songs wie Катюша, Полюшко-Поле, Эй, Ухнем, Калинка und einige andere arrangiert. Wir haben es mit großem Erfolg gespielt und danach hat sich unser Weltbild für immer verändert. Wir haben uns in unsere Metal-Version von Эй, Ухнем verliebt und beschlossen, es nicht wegzuwerfen, sondern dieses Lied in unser Konzertprogramm aufzunehmen. Nach unserem ersten Besuch in Japan haben wir angefangen, Songs mit Folk-Elementen zu komponieren, und dies ist die Geschichte, wie die meisten Songs aus dem Ornaments-Teil II entstanden sind.

Sanctorium-10KoR: Ihr habt in den vergangenen Jahren fast ausschließlich in Russland aufgetreten. Es gab aber auch schon Auftritte in Finnland, Japan, Estland und Lettland. Werdet Ihr demnächst auch noch in weiteren Ländern auftreten?

Daria: Wir hatten 2018 auch Konzerte in der Slowakei, in Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Wir spielen gerne in anderen Ländern, aber in unserem Fall hängt es aufgrund der großen Anzahl von Mitgliedern vom Geld ab. Aber wenn es einen interessanten Vorschlag von den Veranstaltern gibt – wir sind immer bereit zu kommen und zu spielen!

KoR: Ich bedanke mich noch einmal für dieses Interview. Wollt Ihr den Fans zum Abschluss noch etwas sagen?

Daria: Habt keine Angst, neue Horizonte zu entdecken und lokale Bands zu unterstützen! All unsere Kreativität kommt von Herzen, solange es genügend kommerzielle Projekte darum herum gibt. In unserer Realität ist es schwierig zu neues zu schaffen, weil ständig nicht genug Geld, Zeit, Mühe und manchmal alles auf einmal vorhanden sind. DSC06946Aber glaubt mir, wenn Ihr Euch die Zeit nehmt die Bemühungen zu schätzen, die Musiker mit Geld zu unterstützen oder zumindest mit einem freundlichen Wort, dann ist dies sehr aufmunternd für uns! Unsere Musik ist wie unser Kind, und wenn sie nicht unbemerkt bleibt und in den Herzen der Menschen mitschwingt, gibt sie uns die Kraft, weiterzumachen. Vielen Dank!

Sanctorium sind:

Daria Zhukova (Eirene) – Vocals
Pavel Kozhuchovskiy – Extreme Vocals
Alexey Shcherbak – Guitars
Alexandr Mutin – Guitars
Olga Gavrilova – Keyboards
Ilya Wilks – Bass
Evgeniy Nosov – Drums
Andrey Romanov – Clean Vocals

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